Anders

Seit ich denken kann – zumindest im Kontext jener Erinnerungen, die mir trotz all der dissoziativen Barrieren, die mein Bewusstsein durchziehen, bewusst sind – war ich anders. Anders als jene Menschen, mit denen ich mein Umfeld teilte, anders als meine Familie, anders als Gleichaltrige aus verschiedenen Kontexten.

Mit meinem damaligen Anders-Sein verbinde ich heute viel Schmerz und Verzweiflung. Ich erinnere mich an die verzweifelte Sehnsucht, „okay“ zu sein – irgendwo sein zu dürfen, ohne permanent als unpassend wahrgenommen zu werden. Ich erinnere mich an tausend Versuche, soziale Normen und Regeln zu verstehen, denn vieles ergab für mich einfach keinen Sinn. Und was für mich keinen Sinn hatte, war nahezu unmöglich durch mich auszufüllen. Ich versuchte es. Doch die Maske saß nur unpassend, weil unter ihr immer noch dasselbe unangepasste Wesen war. Und ich litt. Mein Selbstwertgefühl war nicht existent.

Über die Jahre haben sich die Dinge verändert. Ich wurde langsam erwachsen und begegnete Menschen, denen gegenüber das Entfremdungsgefühl weniger wurde. Ich erlebte Wertschätzung in einzelnen Punkten und wurde selbstbewusster.

Heute weiß ich noch immer sehr genau, dass ich anders bin. Anders als die Norm es in vielen Punkten von mir erwarten würde. Doch das ist inzwischen weitgehend bedeutungslos geworden. Zu viele Menschen kenne ich, die ebenfalls anders sind. Auf ihre eigene Art und Weise.

Vieles, was der Norm entspricht, lehne ich heute persönlich ab – es entspricht nicht meinem Ideal einer freien und emanzipierten Gesellschaft. Dennoch nagt mein Unverständnis an mir. Die Distanz zwischen mir und der Gesellschaft, in einigen Aspekten so dringend gewünscht, resoniert doch mit dem Klang der einsamen Vergangenheit.

Denn trotz all der Begegnungen und Entwicklungen der letzten Jahre bleibe ich anders – auch anders als diejenigen, die ihrerseits anders sind. Das mag eine Binsenweisheit sein. Aber es ist auch Zeugnis des leisen, surrenden Schmerzes in meiner Seele – und der Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich einfach okay bin.

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Distanz

Ich habe versucht, das neue Jahr unter ein Wort zu stellen: Distanz.

Ich bin ein sehr prinzipienorientierter Mensch. Und engagiert. Wenn mir etwas bedeutsam erscheint, sei es eine zwischenmenschliche Beziehung oder ein Projekt, gebe ich alles. Alles, was mir irgendwie möglich ist. Dabei überschreite ich häufig Grenzen, doch das ist für mich in Ordnung. Weil es mir um die Sache geht. Und mein eigenes Wohlbefinden angesichts etwas Größerem immer den Kürzeren zieht in meinem persönlichen Wertesystem.

Im vergangenen Jahr hat mich dieses Prinzip nicht nur viel Kraft gekostet, sondern mir gleichzeitig viel Schmerz bereitet. Denn wenn etwas, in das ich alles gebe, zerbricht, trifft es auch mich auf einer sehr persönlichen Ebene.

Zweitausendachzehn hat mir vor Augen geführt, dass die Welt nach anderen Prinzipien funktioniert.

Ich möchte beginnen, meine Ressourcen sorgsamer einzusetzen. Wenn meine Existenz an sich ein langfristiges Projekt sein soll, brauche ich inneres Wachstum. Und dafür brauche ich Kraft. Ich habe ohnehin zu wenig davon – viel wird alleine durch körperliche Probleme und Traumasymptome geschluckt, durch die permanente Kompensation diverser Einschränkungen, durch das tägliche Jonglieren meiner Lebensrealität.

Es ist mir dennoch wichtig, etwas Sinnvolles zu erschaffen. An einer besseren Welt zu arbeiten. Allerdings möchte ich in diesem Jahr meine Prioritäten gezielt setzen. Das Maximum aus dem herausholen, was ich geben kann. Und trotzdem eine gesunde Distanz zu den Dingen herausholen.

Ich bin gespannt, was daraus wird.

Tod

Man definiert ein Trauma (stark vereinfacht) über eine todesnahe Erfahrung, aus welcher die betroffene Person subjektiv keinen Ausweg hat. Dabei ist lediglich das Empfinden der Person entscheidend und nicht die tatsächliche Bedrohung des eigenen Lebens, die mit dem Ereignis einhergeht.

Todesnähe. Ich habe das Gefühl, sie hat mich mein Leben lang begleitet. Zunächst in Form tausender Tode in unzähligen Erfahrungen, die letztendlich zu meiner Traumatisierung geführt haben – und bis heute als ein Schatten, der mir folgt, ein innerer Begleiter.

Der Tod fühlt sich vertraut für mich an.

Wenn ich mit Menschen über meine Beziehung zum Tod spreche, sind diese oft befremdet. Sie finden das Thema gruslig, unheimlich. Bedrohlich. Anders als die Menschen, die ich kenne, mit ihren eigenen persönlichen Erfahrungen mit dem Tod.

Sterben mag schmerzhaft sein. Der Tod ist okay. Für mich jedenfalls.

Der Tod ist das Ende dessen, was wir Leben nennen. Das Leben ist der Ursprung unseres Wesens, unserer Gedanken, Einstellungen, Bewertungen – auch zum Tod.

Wenn das erlischt, was bewerten könnte, was für eine Bedeutung hat dann noch die Bewertung?

Keine mehr.

Was zählt ist das, was wir mit dem Tod machen. Im Leben.

 

Isolation

Ein großer Bestandteil meiner Lebensrealität(en) ist, dass es mehr trennende als verbindende Elemente zu anderen Menschen zu geben scheint.

Ich schätze zwischenmenschliche Interaktion sehr. Schöne gemeinsame Erfahrungen sind ein wichtiger Aspekt von Lebensqualität für mich.

Dennoch spüre ich immer wieder, wie grundlegende Aspekte in meiner Realität eine nicht zu überwindende Kluft zwischen mich und mein Umfeld zu bringen scheinen. Mir ist bewusst, dass ich diese Worte mit einer gewissen Verzweiflung schreibe – der Verzweiflung unzähliger Verletzungen und vieler offener Fragen.

Ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Ein Punkt, der isoliert, ist die Schwierigkeit, meine Lebensrealität in Worte zu fassen. Schlagworte – Trauma, Gewalt, Dissoziation, chronische Schmerzen, Hochbegabung – können niemals beschreiben, was all diese Dinge für mein Leben bedeuten. Sie greifen in jeden Aspekt meines Lebens und meines Denkens hinein, weil es keine Zeit meines Lebens gab, die nicht maßgeblich von einigen dieser Faktoren beeinflusst worden wäre. Keine Zeit, in der ich und meine Entwicklung nicht maßgeblich davon beeinlfusst worden wäre.

Das zu artikulieren ist vermutlich zumindest in Teilen möglich. Davor stehen aber notwendigerweise zwei Dinge: Das Vertrauen in eine Person (dass sie mit damit umgehen kann, umgehen will, und mich nicht verletzen will bzw. wollen wird) und ihre Bereitschaft (und Belastbarkeit), sich damit und mit mir auseinanderzusetzen.
Meine Fähigkeit und Bereitschaft, zu vertrauen, hat inzwischen schwer unter zwischenmenschlichen Erfahrungen gelitten: Der Erfahrung, dass Menschen sich schließlich nicht mehr auseinandersetzen konnten, wollten, und die Beziehung zu mir auf sehr verletzende Art und Weise beendet haben. Vielleicht aus Überforderung. Fluchtinstinkt.

So kommt zu der Schwierigkeit, meine Lebensrealität zu artikulieren, die unfassbare Angst davor. Nicht nur vor Verletzung – auch davor, anderen Personen nachhaltig zu schaden. Weil sie zwar eine Entscheidung treffen können, aber niemals wissen, was sie erwarten könnte. Auch ich weiß es nicht. Teile meines Inneren sind eine tickende Zeitbombe.

Doch selbst abgesehen von dieser tiefen Kluft zwischen mir und vielen anderen Menschen – ich bin auch einfach seltsam. Sicherlich auch auf Basis meines Hintergrundes. Interessen meines Umfelds teile ich häufig nicht, ich kann nichts damit anfangen. Es fehlt mir an Begeisterung. Und viellecht an Leichtigkeit.

Und schließlich auch an Hoffnung, einen Platz in dieser Welt zu finden.

Existenz

Ohne uns dessen bewusst zu sein, basiert die menschliche Existenz auf einer Reihe von Grundannahmen, ohne die ein psychisches Überleben nicht möglich wäre. Diese münden in unzähligen Mechanismen zur Vermeidung und Abwehr dieser Hinterfragungen. Sowohl auf individueller Ebene (z. B. durch Religiösität oder Fokussierung auf Sichtbares, Greifbares) als auch in gesellschaftlichen Dimensionen (z. B. Tabuiserung von Themen wie Tod, Gewalt,…) und in der Interaktion daraus basiert ein wesentlicher Teil unseres Lebens und Zusammenlebens auf dem Vermeidungstanz und einem Überzeugungssystem, das uns davor schützt, am Ende der Sinnlosigkeit ins Gesicht zu schauen.

Eine dieser Grundannahme ist es, die mich an meine Grenzen bringt: Wir gehen davon aus, dass Existenz besser sein sollte als Nichtexistenz. Erst auf Basis dieser Annahme ist es zu rechtfertigen, ein Leben zu leben, das eng mit Leid verknüpft ist. Ist Leid besser als nichts? Ist Schönheit besser als nichts?
Ich vermag es nicht zu beurteilen, aber je länger die Auseinandersetzung, desto tiefer wurzelt in mir der Verdacht, dass dem nicht so ist. Dass es notwendig ist, diese Frage zu bejahen, um die eigene Existenz zu rechtfertigen – um ihrer Selbst Willen. Ein Mechanismus der psychokognitiven Evolution.

Schon so viele Jahre handeln meine Gedanken von Leben und Tod. Erst aus der blanken Unerträglichkeit des Seins heraus – oder genauer gesagt dessen, was „Sein“ für mich zu jener Zeit und auch heute zwangsläufig miteinschließt, meiner eigenen persönlichen Lebensrealität – später aus rationaler und realistischer Betrachtung der Unkontrollierbarkeit des Todes, die schließlich in eine tiefe Gelassenheit gegenüber dem Tod an sich mündete (nicht jedoch gegenüber des Kontrollverlusts, der mit dem Sterben zusammenhängen kann).

Das Leid ist geblieben, die Perspektive hat sich erweitert. Ich erlebe Autonomie, Schönheit und Lebendigkeit. Der Tod in mir bleibt. Und die Frage nach der Existenz.

Anfang und Ende

Seit Wochen schleiche ich um diese Seite und schließe dennoch nie das Fenster. Ich ignoriere das Projekt, das ich beginnen möchte. Weil es mir Angst macht. Und weil es Kraft kostet. Kraft, die in meinem Leben derzeit kaum verfügbar ist.

Es geht um Lebensrealitäten. In erster Linie um meine Lebensrealitäten, die sich von denen der allermeisten meiner Mitmenschen deutlich unterscheiden.

Die jetztige Zeit fühlt sich wie das Ende eines Lebens an. Vielleicht ist es bald vorbei. Vielleicht ist es ein Anfang, wie dieses Projekt. Vielleicht ist dies der erste Beitrag, den ich schreibe, vielleicht ist es auch gleichzeitig der Letzte.

Es fällt mir schwer, zu erklären, was mein Leben bedeutet. Es gäbe unendlich viele Worte und doch nichts, was auch nur im Ansatz die Komplexität meines Lebens beschreibt.
Vielleicht kann ich eines festhalten: Das Leben meint es nicht gut mit mir. Hat es noch nie gut mit mir gemeint. Und auch wenn ich nicht an Schicksal glaube, so ist das dennoch eine traurige Wahrheit. Ich nehme es nicht persönlich. Ich kämpfe nur darum, damit zu leben.

Menschen sind gegangen, weil sie nicht bereit waren, mit meinen Lebensrealitäten konfrontiert zu sein. Vielleicht kann dieser Blog sie tragen. Mit mir gemeinsam.

Ich weiß es nicht.